PLACE VENDOME - Musik ist etwas Heiliges

 

Michael Kiske wandelt auf AOR-Pfaden. Und das mit einer Sicherheit, als hätte er nie etwas anderes gemacht. Von Produzent Dennis Ward, dem Bassisten von PINK CREAM 69, ließ er sich Songs auf den Leib bzw. auf die Stimmbänder schreiben. Das Ergebnis überzeugt auf ganzer Linie. Grund genug für ein ausführliches Gespräch mit dem früheren HELLOWEEN-Sänger, der heute simple Musik kompliziertem Jazz vorzieht ("Es gibt kaum etwas Schwierigeres als einen ganz schlichten Popsong, der aber richtig Kraft hat und einen menschlich erreicht.") und privat fast ausschließlich Klassik hört.

 

Du hast die Songs für das Album sehr gewissenhaft ausgewählt. Ich habe sie mir jetzt so oft angehört und immer noch keinen Favoriten!

Michael Kiske: Ja, das hat wirklich ganz gut hingehauen, fand ich auch. Das war gar nicht so einfach, denn die MP3s, die ich bekommen habe, waren halt von Dennis eingesungen. Der singt ja ganz anders, und dann hört sich das alles auch immer sehr anders an. Er hat eine "normalere" Stimme, eher so eine Mainstream-Stimme. Deswegen war ich manchmal nicht ganz sicher. Aber ich war dann doch ganz froh, je weiter ich kam.

Hast du viele Sachen abgelehnt, die dir zugeschickt worden sind?

M.K.: Nein, überhaupt nicht! Er hat mir von vorneherein Sachen geschickt, bei denen er sich sicher war, dass ich das gut finden würde. Da gab´s vielleicht ein oder zwei Nummern, mit denen ich nicht so richtig warmgeworden bin.

 

Gleich beim ersten Stück "Cross The Line" ist mir der Hintergrundgesang äußerst positiv aufgefallen.

M.K.: Die Chorsätze und so, ne? Also, auch wenn ich das fast alles gesungen habe, und Dennis im Endeffekt nur noch ein paar Overdubs dazugemacht hat - das kommt alles von ihm! Dennis ist wirklich phantastisch, wenn es um Chorgesänge und Arrangements geht. Er macht Dinge, auf die würde ich selbst gar nicht kommen!

 

Kannst du mir dafür ein Beispiel geben?

M.K.: Ja, überhaupt, was er für Chorsätze macht! Ich mache ja nix aus dem Kopf, sondern alles aus dem Bauch heraus. Wenn ich etwas singe und das Gefühl habe: "Da muß ´ne Harmonie hin!", dann mache ich die, die mir dazu einfällt. Das ist auch gut so, das hat auch eine bestimmte Qualität. Aber er hat da eine sehr "produzentenmäßige" Vorgehensweise. Ich fand das richtig klasse, diese Chorsätze und die Spielereien, die er so macht. Das ist ja auch reizvoll an solchen Projekten, dass Dinge auch mal anders ablaufen, als man es selber machen würde.

 

Du hast schon immer Stücke gesungen, die du nicht selbst geschrieben hast, sogar auf deinen Soloalben.

M.K.: Ja, da habe ich Freunde untergebracht. Ciriaco Taraxes z.B. ist ein langjähriger Freund von mir, und Sandro (Gampietro, ZILLION) ist mittlerweile sogar einer meiner besten Freunde. Ich finde das immer ganz gut, einfach um das Ganze etwas interessanter zu machen.

 

Erkennt man als Außenstehender vielleicht sogar besser, was ein Song gesangsmäßig braucht, als wenn man den selbst geschrieben hat und da sozusagen bis zum Hals drinsteckt?

M.K.: Das weiß ich gar nicht mal! Ich kann ja sowieso nichts anderes machen als mein Ding! Wie ich singe, wie sich das anhört, das hängt wirklich ganz vom Song ab. Das merke ich auch immer erst, wenn ich´s gemacht habe!

 

Probierst du dabei viel rum?

M.K.: Wahnsinnig viel! Ich habe mir bei der Platte irrsinnig viel Zeit gelassen, weil es eben doch etwas andersartig ist. Wenn man z.B. einen Song nimmt wie "Sign Of The Times", da war der Gesang von Dennis auf dem Demo eher so ein bisschen geshoutet. Ich übertreibe jetzt ein bisschen, aber das ging eher so ein bisschen in Richtung AC/DC! Und das ist ja eigentlich gar nicht mein Ding. Ich habe das dann im Hinterkopf gehabt, als ich mich daran versucht habe. Da lehnt man sich natürlich so ein bisschen an die Vorgabe an - und das gefiel mir überhaupt nicht! Das klappte gar nicht. Ich dachte: "Vielleicht mag ich das Stück nicht. Oder vielleicht ist das einfach nix für mich!" Ich habe das Ding dann erst mal beiseite gelegt und einen anderen Song gemacht. Ich habe den erst zwei Wochen später wieder ausgebuddelt und bin da noch mal rangegangen. Und ich vermute mal, ich habe Dennis´ Gesang ganz einfach vergessen. Und plötzlich klappte es. Das war an einem Abend drin! So ist das eben manchmal: Du musst wirklich erst dein Ding finden. Deswegen hasse ich es auch, wenn ich unter Zeitdruck stehe. Deswegen habe ich auch gesagt: "Vergiß das, dass ich in irgendein Studio komme oder sonst irgendwas. Ich mache das in meinem eigenen kleinen Studio, und ich brauche dafür so lange, wie es dauert!" Und so war es dann auch.

Ich muß zugeben, dass ich, als es mit der Vorbereitung ernst wurde, kaum die PLACE VENDOME-CD (Falls sich jemand über den Namen wundert: "Place Vendome" ist ein Platz in Paris.) gehört habe, sondern fast nur dein erstes Soloalbum "Instant Clarity". Und ich muß ehrlich sagen, dass ich die Platte damals (1996) nicht richtig zu schätzen wusste.

M.K.: Ja, das hat man ja oft bei Sachen, die so ein bisschen von dem abweichen, was man gewohnt ist. Darunter leidet ja eigentlich jeder. Auch ich bin vor solchen Dingen nicht gefeit. Mir ging es z.B. so bei der "Under Rug Swept" von ALANIS MORRISETTE. Die Songs flogen einfach so an mir vorbei. Ich habe mir die Platte gekauft, habe sie mir angehört - fand ich langweilig! Mittlerweile finde ich das mit Abstand ihre beste! Das passiert einem öfter mal, auch bei Filmen. Ich saß z.B. bei Bullys "(T)Raumschiff Surprise" im Kino und war absolut angeödet! Ich fand das total bescheuert, dieses Rumgetucke mit Soundeffekten. Ich hab mir den Film dann aber noch mal auf DVD geholt. Und jetzt finde ich den zum Schießen! Du musst in der Stimmung sein. Gerade Kino ist extrem stimmungsabhängig. Bei Platten ist das vielleicht sogar noch extremer, weil einem da die Bilder nicht helfen. Man hat ja immer eine gewisse Erwartungshaltung, und wenn die nicht richtig getroffen wird ist man verunsichert. Deswegen ist das so scheiße, dass die Musikwelt so schnelllebig ist. Heute muß ja immer alles ganz flott gehen. Dadurch fällt mit Sicherheit viel unter den Tisch. Was ich z.B. richtig große Klasse fand, war die CORRS-Unplugged-DVD. Darauf haben sie mit dem Orchester hinter sich die Perlen von ihren Alben auf eine ganz tolle, BEATLESmäßige Art und Weise performt haben. Dadurch hatte ich natürlich eine riesige Erwartungshaltung bei dem nächsten Album, was dann kam. Und das hat mich dann extrem enttäuscht. Es war von Mutt Lange total statisch produziert. Es war Popmusik, wo alles das, was ich an den CORRS toll fand, weg war: dieses Irische, und das, was sie unterschieden hat von sovielen Bands, die so klingen. Ich gebe Bands so schnell nicht auf wie es viele tun. Ich bin auch der Meinung, dass Bands auch durchaus mal Scheiße bauen dürfen. Das gehört zur Entwicklung dazu! Und außerdem ist Musik, die von Herzen kommt, nicht kontrollierbar! U2 haben mal gesagt: "Wir wissen überhaupt nicht, was wir machen!" Die gehen ins Studio, und entweder passiert was, oder es passiert nix! Und wenn was passiert, dann passiert eben immer richtig was! Und deswegen haben die immer wieder mal Alben wie "Zooropa" oder "Pop Art" dazwischen. Damit kann ich nicht so richtig was anfangen. Das sind für mich so Experimentierplatten. Aber ich respektiere das! Und sie kamen ja dann auch gewaltig wieder... Aber noch mal zu den CORRS: das neue Album "Home" - phantastisch! Ich mag Sängerinnen unheimlich gerne. Sie sind seelischer. Männer haben eher die Neigung, sich hinter irgendwelchem Zirkus zu verstecken.

 

Das Macho-Ding! Keine Gefühle zeigen ist für Gesang und Musik tödlich!

M.K.: Ja, absolut. Das ist auch immer das Ding, wenn solche Leute cool sein wollen. U2 wollten nie cool sein. Die haben gerade, als mal wieder eine Welle unterwegs war, etwas völlig Uncooles, Emotionales gemacht: "With Or Without You". Das klingelte sich so durch die Charts, ganz ruhig und ganz entspannt. Das fand ich ganz große Klasse. Klar sind sie cool als Typen - gerade Bono ist saucool! -, aber sie hatten nie Probleme damit, in der Musik uncool zu sein, wenn es passt. Es ist vielleicht komisch, wenn so was gerade von mir kommt, der sich ja mit sehr akrobatischen Trällereien einen Namen gemacht hat. Ich bin aber mittlerweile überhaupt nicht mehr der Meinung, dass das besonders wichtig ist. Das ist eigentlich vollkommen egal, in welcher Tonlage du singst. Klar, hoher Gesang hat natürlich einen geilen Effekt und eine gewisse Wirkung. Das ist ganz klar! Aber es ist immer wichtig, wer was erzählt!

 

Die meisten Songs brauchen so ein Brimborium nicht.

M.K.: Nein, das ist ganz egal! Wenn es zum Song passt, ist das ja auch in Ordnung, aber das ist nicht das Entscheidende. Das Entscheidende ist wirklich die Seele, die rüberkommt, dass du eine Geschichte so erzählen kannst, dass es glaubwürdig ist. Und dass es vor allem nicht affektiert, nicht aufgesetzt, nicht gestelzt ist. Ich habe überhaupt nichts gegen die Frau, die ist bestimmt ein total lieber Mensch, aber wenn Shania Twain bestimmte Dinge singt, überzeugt mich das streckenweise überhaupt nicht, weil ich finde, sie versteckt sich eher hinter ihrer Musik. Wenn sie z.B. in einem Song über Liebeskummer singt, dann SPIELT sie das, aber sie macht nicht wirklich Liebeskummer durch. Oder wenn sie die starke Frau spielt, dann ist das eher aufgesetzt. Ich habe bei ihr immer das Gefühl... Aber das ist vielleicht wieder die Schuld von Mutt Lange - nicht unbedingt mein Lieblingsproduzent! Ich meine, es klingt toll, was er macht, aber er hat eine unheimliche Neigung dazu, alles totzumachen, zu klinisch zu produzieren. Shania Twain müßte vielleicht mal jemand zeigen, dass sie sich nicht verstecken soll, dass sie vielmehr versuchen soll, genau das rauszulassen, was sie WIRKLICH empfindet. Man tut ihr vielleicht ein bisschen unrecht. Es ist ja auch immer sehr subjektiv, was einen erreicht. Aber bei Shania Twain habe ich das ganz stark: Wenn ich die ´ne Zeitlang höre, dann komme ich richtig schlecht drauf! Sie hört sich für mich so an, als wenn sie die ganze Zeit Migräne hat! So, als wenn sie irgendwas unterdrückt und es nicht wirklich rauslässt. Das ist aber ganz, ganz verbreitet, dass viele Leute glauben, zu singen bedeutet, affektiert oder sogar arrogant zu sein. Selbstbewusstsein mit Arroganz zu verwechseln ist ja gerade im Rockbereich weitverbreitet. Ich habe schon unheimlich viel gesehen, deswegen beeindruckt mich auch nicht mehr soviel. Aber was mir auffällt, ist, dass gerade die neueren Rockbands als musikalische Argumente immer wieder versuchen rüberzubringen: "Ich bin verrückt!" Man muß arrogant sein oder auf jeden Fall irgendwie überdreht. Das ist das Standardargument! Genau das sind Dinge, die mich nicht interessieren. Ich möchte nicht verrückt sein! Ich möchte nicht arrogant sein! Ich möchte nicht auf der Bühne irgendeinen Zirkus abziehen müssen, um interessant zu sein. Ich habe völlig andere Ideale entwickelt in den letzten Jahren. Ich hab´s ja damit nie so gehabt, aber mir war das vorher nie so negativ aufgestoßen wie in den letzten Jahren.

 

Wann hast du zum erstenmal gemerkt, dass sich in dir was verändert? Gab es dafür vielleicht sogar einen bestimmten Anlaß?

M.K.: Das passierte eigentlich schon in den letzten Jahren bei HELLOWEEN. In bestimmten Musikbereichen gehört es ja zum größten Verbrechen, daß du dich weiterentwickelst und dich das auch traust. Das mag manchen erstaunen, aber nach meiner festen Überzeugung ist z.B. der Grund für den Erfolg der "Keeper"-Alben damals gar nicht unbedingt der Musikstil, den wir gespielt haben, sondern das ist die Ehrlichkeit gewesen. Das war ganz frech, das war ganz verspielt. Wir haben einfach nur gemacht, worauf wir Bock hatten. Hör dir nur mal so was wie "Rise And Fall" an: Im Grunde genommen ist das einfach nur ein Haufen Spaß haben. "Future World" oder auch "Dr. Stein", das ist ja nicht wirklich Heavy Metal. Das ist Rock´n´Roll-Pop mit Gitarren. Aber gerade die abgefahreneren Sachen, das war einfach nur Jux und Dollerei. Wir haben einfach Spaß gehabt dabei!

 

Daß das in die Metal-Ecke geschoben worden ist, lag ja auch sehr am Tempo. Wenn ihr das langsamer gespielt hättet...

M.K.: Es war ja auch sehr heavy streckenweise! Es gab ja auch Stücke, die durchaus Metal waren - aber vieles eben auch überhaupt nicht! Ich bin eben der festen Überzeugung, dass der Erfolg dieser Alben in der Verspieltheit, in dieser Naivität und dieser Frechheit auch lag.

 

Und das verliert man irgendwann!

M.K.: Das verliert man ganz leicht. Und es ist uns natürlich auch ausgetrieben worden. Wenn du weiter Alben machst, und es dann plötzlich hip ist, dass man dich überall - vor allem die deutsche Presse liebt das ja, eine Zeitlang ihre Helden hochzujubeln und dann wieder in den Dreck zu treten. Das ist wirklich eine ganz spezifisch deutsche Eigenschaft. Da kam viel Ärger, und in der Band gab es wahnsinnig viel Ärger und Probleme, und alles fiel irgendwie auseinander. Was ich sagen will: Dieses Musikideologische geht bei mir sehr schnell, weil ich als Musiker sehr interessiert bin und ziemlich schnell vorankommen will. Ich brauche auch immer wieder was Neues, um mich begeistern zu können. Das ist mein Motor. Auch um ein neues Album zu schreiben, muß ich was Neues für mich entdeckt haben. Sonst sehe ich gar keinen Anlaß, ein neues Album zu schreiben. Speziell nach der "Pink Bubbles" ging das los, dass mich ganz andere Sachen interessiert haben. Das hat sich vor allen Dingen ´94 stark konkretisiert und ist einfach immer intensiver geworden. Ich kann das immer besser definieren.

 

Lag das daran, dass ihr damals auf Eis gelegen habt, daß du viel Zeit zum Nachdenken hattest, und das dann hochgekommen ist?

M.K.: Ich denke, dass das eine Kombination von allem ist. Das ist bei vielen Musikern so, die in einer bestimmten Musikrichtung erfolgreich waren. Ich habe damals, als ich Heavy Metal toll fand, bei weitem nicht nur Heavy Metal gehört. Ich habe EURYTHMICS gehört oder PAT BENATAR, weil mir das viel zu langweilig gewesen wäre, nur Hardrock oder Metal gut zu finden - der in den Achtzigern ja noch wesentlich interessanter war als das, was heutzutage so los ist. Aber ich denke mal, wenn man bestimmte Sachen gemacht hat, damit getourt ist und die Stücke rauf und runter gespielt hat, dass dann auch das Bedürfnis da ist, was anderes zu probieren. Das ist eine Kombination. Natürlich ist da auch viel Negatives dabei. Ich bin von der Mentalität her sowieso so, wenn man versucht, mich zu irgendwas zu zwingen, dann will ich gerade das andere machen. Da bin ich eher Revoluzzer.

 

Du bist auch mehr ein Individualist.

M.K.: Absolut. Ich glaube auch, dass das die interessantere Musik ist. Ich habe nie an ein bestimmtes Musikkonzept geglaubt, wie jetzt diese Castingdinger. Die sind ja mittlerweile bei vielen verhasst. Das ist eine komplette Produktisierung von Musik. Das ist ja nichts anderes mehr, als dass es wirklich designt wird für einen bestimmten Markt. Das halte ich für eine absolute Fehlentwicklung! Musik, die mich interessiert, das sind Persönlichkeiten, die was zu erzählen haben; Menschen, die etwas, das mit ihnen persönlich zu tun hat, versuchen musikalisch auszudrücken. Wenn dieser musikalische Ausdruck für sie ein Bedürfnis ist, dann hat Musik für mich eine Seele! Das wird nur leider immer schwieriger, weil die Industrie die Leute für blöd hält. Wenn etwas erfolgreich ist, dann kopieren sie das bis zum Sankt Nimmerleinstag, denn das wollen die Leute ja angeblich hören. Durch dieses Verhalten werden die Leute aber auch so erzogen! Dabei ist Musik etwas Spirituelles, etwas Heiliges!

Ich habe gelesen, dass du ein weiteres Soloalbum planst.

M.K.: Ich nehme in zwei Wochen mein nächstes Soloalbum auf. Das geht mehr in die Singer/Songwriter-Ecke, aber noch intensiver. Nichts mit SUPARED oder so. vielleicht ansatzweise, aber nicht mehr diese brutale Sprache mit den sehr lauten E-Gitarren. Das habe ich abgelegt. Da hat es bei mir irgendwie Klick gemacht, dass das einfach nicht mehr meine Sprache ist. Aber dazu musst du solche Alben auch machen: um das zu merken. Damit legt man sich natürlich wieder ein Ei, weil dann wieder keiner versteht, was der Kiske eigentlich will. Aber das ist eben so. Das lässt sich nicht ändern.

 

Die Gitarren auf "Place Vendome" klingen relativ variabel.

M.K.: Ja, finde ich auch. Manchmal ist es allerdings ein bisschen nervig. Ich mag es nicht, wenn die Gitarren so extrem laut sind und alles andere wegschieben. Ich persönlich würde ganz gerne ein bisschen mehr vom Drum hören usw. Also, streckenweise mag ich den Gitarrensound auch nicht so. Ich mag ihn ganz gerne z.B. bei dem Song "Place Vendome" selbst. Das ist ein etwas offener, perkussiverer Gitarrensound, der lässt auch Platz für andere Sachen. Aber das ist eine persönliche Geschmackssache. Deshalb mag ich das Album ja trotzdem. Ich muß aber ganz ehrlich sagen: Ich kriege sehr schnell Kopfschmerzen, wenn ich das zu lange höre.

 

Du hast gesagt: "Wenn man nur noch Klassik hört..."

M.K.: Man wird empfindlich! Man verändert sein Hören. Nicht nur, dass es immer moralischer wird, wenn du entsprechend moralische Künstler hörst, wie Beethoven, Wagner oder auch Mozart. Das waren sehr moralische Menschen, und das lebt dann auch in der Musik weiter. Man verändert sein Gehör. Das empfinde ich aber als Gewinn, weil das wieder eine Form von Sensibilisierung ist. Bestimmte brutale Sachen stumpfen dagegen doch ein bisschen ab. Der Kritikpunkt, den ich anbringen würde, ist eigentlich egal, denn es war ja von vorneherein als so ein Album geplant. Aber es sollte ein AOR-Album werden, und Dennis sollte diese Art von Songs schreiben, denke ich mal. Da ist es ganz logisch, dass es ein bisschen Eighties-mäßig ist: Das erinnert stark an JOURNEY, FOREIGNER, SURVIVOR. Streckenweise ist sogar ein Touch BON JOVI drin! Das ist jetzt nicht megaoriginell. Das Interessante dabei ist mein Gesang, denke ich, wegen der Kombination. Das klingt völlig anders, wenn ich das singe. Du hast da jetzt sogar ein paar Stücke, die, als Dennis die gesungen hat, nicht die Bohne mit QUEENSRYCHE zu tun hatten. Jetzt, wo ich sie singe, klingt das ein bisschen nach QUEENSRYCHE.

 

Das muß man Serafino (Perugino, Boß von Frontiers Records) übrigens hoch anrechnen, dass er in deiner Stimme gehört hat, dass du diese Sachen singen kannst.

M.K.: Ja, da hat er echt Talent. Das macht ihm auch wahnsinnig viel Freude, so ein bisschen den Puppenspieler zu machen. Man darf auch nicht vergessen, dass er eigentlich der einzige ist, der an dem Album wirklich was verdient.

 

Allgemein habe ich zu Serafino dennoch ein etwas gespaltenes Verhältnis...

M.K.: Ich auch!

 

...weil ich manchmal nicht nachvollziehen kann, was er macht oder eben auch nicht macht.

M.K.: Er ist jemand, der durchaus auch Idealist ist, weil er wirklich die Bands signt, die er gut findet. Serafino signt auch unbekannte Leute - wenn er die Musik gut findet! Das ist schon mal selten genug! Andererseits hat er eben auch diese typische Tendenz, dass er versucht, seine Künstler in eine bestimmte Richtung zu bringen. Da habe ich unheimliche Streitereien mit ihm gehabt. Das kann er mit mir natürlich vergessen. Das sind auch sehr anstrengende Streitereien, weil sie natürlich immer bis zum "Make it or break it" gehen, bis du sagst: "Friß es oder schieb dir deinen Vertrag in den Arsch!" Und soweit muß es leider bei ihm kommen! Das macht es sehr anstrengend. Wir kamen insgesamt viermal an den Punkt, wo ich sicher war: "Okay, das war´s! Das wird nix mit dem Deal! Das ist nicht der richtige Mann!" - und dann hat er´s doch gefressen!

 

Klay Shroedel hat mir erzählt, dass er auf dem Album seiner Band UNDER SUSPICION einen Song nicht unterbringen konnte, weil da ein Drumloop drin war.

M.K.: Er hat versucht, das in meinen Vertrag reinzukriegen. Da habe ich gesagt: "Es wird nicht eine einzige Kreativität begrenzende Klausel in meinem Vertrag drin sein!" Da ging es auch um Drumloops. Ich habe ihm gesagt: "Wenn irgendein Stück ein Drumloop braucht, dann kommt der da rein!"

 

Das kann er doch gar nicht beurteilen. Das kannst nur du!

M.K.: Das ist die Krankheit der Leute, die in der Musikindustrie Entscheidungen treffen, dass sie glauben, sie wissen besser als die Musiker, wie man Musik zu machen hat. Das ist das Problem. Und dieses Recht meinen sie vor allen Dingen deshalb zu haben, weil sie Taler rüberschieben. Und das ist so extrem geworden, dass sie mittlerweile gar keine Leute wie mich mehr wollen, die einen eigenen Kopf haben. Das ist in Deutschland viel extremer als in England oder Amerika. Da gibt es das natürlich auch, aber da bleiben die einzelnen Musikrichtungen nebeneinander bestehen. Da ist eine lebendige Bewegung drin. Hier in Deutschland ist alles Mode, das eine schiebt das andere komplett weg von der Bildfläche. Das ist wirklich krank! Die wollen solche Leute, die so denken wie ich, und die eine Vorstellung davon haben, wie ehrliche Musik funktioniert, gar nicht mehr. Man verdient viel mehr Geld, wenn man gar nicht erst songschreibende Musiker hat, sondern wenn der Plattenboß oder der Manager oder der Produzent die Stücke schreibt. Natürlich verkauft man das dann hinterher so und sagt, derjenige hätte das geschrieben. Das kriegt man schon irgendwie hin, da den Namen unterzubringen, weil das als Lüge immer noch gut funktioniert. Weil als Klischee ist Individualismus und ehrliche Musik ja immer noch sehr beliebt beim Volk. Aber wenn du hinter die Kulissen guckst und mal mit den Leuten redest, die hinter solchen Projekten stehen, möchtest du manchmal aus der Haut fahren! Die wollen im Grunde genommen nur junge Leute haben, die sie kneten und biegen können für die nächsten Sommermoden, dass sie ihre eigenen Songs singen. Dann lutschen sie die zwei, drei Jahre lang aus und kassieren mächtig ab. Diese sogenannten "Künstler", die das ja nicht besser wissen, denen kann man ja nicht böse sein. Das sind ja oftmals ganz liebenswerte junge Menschen. Das hat mit denen gar nichts zu tun; die glauben ja, dass das so funktioniert. Die sind im Endeffekt die Blöden. Nimm nur mal die NO ANGELS: Die haben keinen Pfennig verdient! Warum macht die eine von denen denn dieses Telefonquiz auf 9Live? Weil sie Geld verdienen muß! Die große Industrie ist zu diesen Konzepten übergegangen, und guck dir mal an, wie der Markt aussieht! Das sind nicht nur die CD-Brenner! Aber wenn die Musik schon nicht ehrlich ist und keine Seele hat... Wenn die Fans keine ehrliche Musik kriegen, wie sollen die denn eine Beziehung zu dem Künstler aufbauen?! Daß sie das wirklich verfolgen wollen, was da passiert? Oder dass sie auch ein Interesse daran haben, dass der noch ein weiteres Album macht? Nächstes Jahr ist doch wieder eine neue hübsche Boygroup da!

 

Interviews mit Frontiers-Acts sind zwar kein Problem, aber macht Serafino nicht VIEL zuviel? Die PLACE VENDOME ist die 260. CD, die er rausbringt!

M.K.: Er macht zuviel, definitiv! Ich weiß auch nicht, warum und wie er das macht. Ich finde auch nicht alles gut - muß ich ja auch nicht! Das muß er aber alles selber wissen, letztendlich ist es sein Label. Mich interessiert, dass ich ein weiteres Album machen kann, das weltweit rauskommt.

 

Nach der "Pink Bubbles" hast du gesagt, durch diese ganze Scheiße wärest du ein regelrechter Idealist geworden. Das hat mich sehr erstaunt, weil es normalerweise andersherum ist.

M.K.: Ja, aber das hängt wieder vom Menschen ab! Entweder lässt du dich brechen oder wirst stärker. Das ist das Lebensgesetz: Entweder haut es dich um, und du gibst klein bei oder du entwickelst eine neue Stärke. Es ist so, dass sich das nur immer weiter gesteigert hat, das was im Nachhinein kam. Das sind Dinge, an denen du auch zu knabbern hast. Letztlich bleibt dir nur übrig, dich moralisch aufzurichten. Denn wenn du dich in Haß ergehst und zurückballerst, gehst du erst recht kaputt.

 

Als du damals gegangen bist/wurdest, habe ich das für einen normalen Besetzungswechsel gehalten, nur eben etwas höher gehängt, weil HELLOWEEN sehr bekannt waren. Als dann aber Roland und Uli gleichzeitig weg waren, da habe ich gedacht: "Wenn Michael Weikath morgens aufwacht und sagt: "Von dem passt mir die Nase nicht mehr!", dass der dann weg ist?!

M.K.: Leider ist das so. Das Problem ist, dass keiner in der Band ein Idiot gewesen ist. Das sind im Grunde alles ganz pflegeleichte Leute. Aber wenn da eine Gestalt drin ist, die so destruktiv ist... Die Sachen haben sich natürlich intensiviert. Und gerade wenn du dann noch idealistischer wirst und sehr eigenwillig deine eigene Platte machst, wird das ja noch extremer. Gerade wenn du aus dem Metal kommst ist das wahnsinnig engstirnig. Da hast du mit soviel Scheiße zu kämpfen! Ich hab dir ja schon erzählt, wie ich veranlagt bin: Ich werde immer bockiger! Ich mache dann erst recht das, was ich meine. Das bestätigt einen nur noch mehr. Das finde ich ist das eigentlich Interessante an meinem ganzen Leben bisher: Bei all dem Negativen, was da passiert ist, hat es mich eigentlich zum besseren Menschen gemacht. Oder zumindest zu einem moralischeren Menschen. Für mich sind moralische Sachen zur Essenz meines Lebens geworden. Aber auch künstlerisch war das total vorteilhaft! Man weiß natürlich nicht, wie viel man verkraften kann. Ich kann auch verstehen, wenn Leute darunter zusammenbrechen. Wenn ich z.B. drei Kinder zu ernähren hätte, wäre die Situation mit Sicherheit anders. Ich brauche mich um niemanden zu kümmern; ich bin weder verheiratet noch habe ich Kinder. Von daher kann ich auch so ein Zigeunerdasein leben und habe keine großartigen Verpflichtungen. Wenn man Familie hat ist das sehr viel schwieriger.

 

Von der Bandbreite her müsste dir doch z.B. die "Chameleon" sehr gut gefallen haben.

M.K.: Mir haben die alle gefallen, bis auf die "Pink Bubbles". Die hat mir deshalb nicht gefallen, weil das nicht das war, was wir machen wollten. Chris Tsangarides hat eigentlich nur noch mal ein schlechteres Demo aufgenommen. Der Sound von dem Album ist total mies, dabei waren wir in einem schweineteuren Studio (das PUK-Studio in Dänemark - MS). Wir haben z.B. eine Irrsinnskohle ausgegeben für Tube-Amplifiers, um die Drums aufzunehmen - und im Endeffekt hat er Samples draufgepackt! Das war Verarsche, weil er daran mitverdient hat.

 

Dabei sind so viele Produktionen von ihm der helle Wahnsinn! Warum ist eure so schlecht?

M.K.: Ich kapier´s auch nicht. Das haben sich viele gefragt. Aber viel, viel wichtiger als der Sound war der kreative Prozeß. Wir waren es gewohnt, dass wir uns Rohformen der Songs im Proberaum zurechtgekaspert haben, und im Studio ging die Kreativität richtig los. Mit Tommy Hansen (der unter anderem die beiden "Keeper"-Alben produziert hat - MS) haben wir versucht, daraus was Interessantes zu machen, das sich von anderen Platten unterscheidet. Nicht als ein abstraktes Ziel, aber du versuchst doch, mehr zu machen. zumindest bei uns war das so. Das hat auch unsere Qualität ausgemacht. Es gibt auch Bands, bei denen es gut ist, wenn es nach Probekeller klingt. Bei uns war es eben wichtig, dass es verspielter war, und dass da auch ein bisschen was anderes ablief. Und genau dieser Schritt passierte nicht mehr im Studio. Der hat all diese Sachen blockiert. Wir waren auch als Band schon längst nicht mehr so eine Einheit. Da waren eher Streitereien untereinander wichtig, als dass wir uns zusammen gegen Chris Tsangarides stark gemacht hätten. Eigentlich hätte er nach zwei Wochen nach Hause geschickt werden müssen, weil er nicht gut für die Band war. Der hat auch die Fronten, die sich innerhalb der Band bereits gebildet hatten, genutzt, indem er sich die Leute geschnappt hat.

 

Ah, ein kleiner Intrigant!

M.K.: Total! Mir hat er in den Bart gequasselt, was ich hören wollte, Weiki hat er erzählt, was der hören wollte. Dadurch hat er die Fronten nur noch verschärft. Das ist ganz gefährlich!

 

Und dann noch so gegensätzliche Typen wie Weiki und du...

M.K.: Wenn er Blau sagt, sage ich Grün. Ich will nicht sagen, dass es nicht auch Berührungspunkte gibt. Ich will Weiki nicht zum Monster machen.

 

Aber er ist z.B. gerne ein Star, nicht?

M.K.: Sagen wir so: Er hat viele Sachen, die ich überhaupt nicht leiden kann, aber er kann auch ein ganz lieber Kerl sein. Ich weiß nicht, wie er heute ist. Ich habe ihn schon seit 13 Jahren nicht mehr gesehen. Nie getroffen, gesprochen, irgendwas. Aber ich kann mich an Seiten von ihm erinnern, die total liebenswert sind, wo er total lustig, witzig, verrückt, intelligent sein konnte. Diese Seiten hat er auch, aber eben auch ganz andere, mit denen ich nicht konform gehe. Und die Hauptsache davon ist der Umgang mit anderen Menschen. Da komme ich nicht mit klar.

 

War das immer so? Oder kommt so was durch den Erfolg, dass sich negative Seiten verstärken?

M.K.: Es hat sich sicherlich verstärkt. Aber er hat von vorneherein versucht, mich zu manipulieren. Am Anfang ist ihm das ja auch geglückt. Da war ich nur der kleine 18jährige Michael, und der große Weikath hat mich an die Hand genommen und in die große Rockwelt geführt. Ich stand unter seinem Einfluß. Das hat sich erst im Laufe der Zeit geändert. Ich habe mich von ihm gelöst, und dann hatte ich plötzlich auch Probleme mit ihm. Weikath ist sein größter Feind. Das ist eine Tatsache. Mal ganz nüchtern betrachtet: Er war Mitglied einer Band, die funktioniert hat. DIE FUNKTIONIERT HAT! Wenn man da ein bisschen mehr wirkliche Freundschaft innerhalb der Band gehabt hätte und den Mut und die Kraft gehabt hätte, einfach weiterzumachen, ganz egal, ob dich die Presse zerreißt. Wenn du einen langen Atem hast, kommst du durch! Das konnte man bei sovielen Bands beobachten: Entweder haben sie sich zerbrechen lassen oder haben angefangen, Ärsche zu küssen, indem sie dann doch wieder zu Konzepten zurückgegangen sind, die funktioniert haben. da war es dann aber auch vorbei, weil das eben mit ehrlicher Musik nix mehr zu tun hat. Oder sie haben durchgehalten und einfach weitergemacht. Und wenn sie sich ein neues Publikum erkämpfen mussten! Ich glaube einfach an ehrliche Musik. Ich glaube, dass sich ehrliche Musik immer durchsetzen kann. Wenn man den Glauben an diese Musik verliert, dann erreicht man natürlich auch nichts. Wichtig finde ich, dass man da dagegensteuert. Künstlerische Freiheit, der Begriff von ehrlicher Musik, der ist in vielerlei Hinsicht einfach nur eine Marketinglüge. Ich will jetzt überhaupt nicht beurteilen, was alles ehrlich oder unehrlich ist. Man muß da auch vorsichtig sein. Aber ich bilde mir trotzdem ein, dafür einen Instinkt zu haben. Und ich bilde mir ein, ich kann es hören. Ich bin auch der Meinung, dass man das schulen kann, und dass da draußen nicht nur Idioten sind. Das Volk hat ein Recht auf ehrliche Musik, und dass es vor allen Dingen selbst entscheiden darf, was es hören will. Sie müssen das nicht vorgekaut kriegen von der Industrie. Man kann dagegensteuern, aber dazu muß eine Bewusstseinsveränderung im Volk stattfinden.

 

Dafür würde sich konstruktives Radio prima eignen. Bei den Möglichkeiten, die dieses Medium hätte, um die Leute positiv zu beeinflussen, ist es allerdings ein Jammer, wie leichtfertig damit umgegangen wird.

M.K.: Radio und auch das Fernsehen haben ihren Kulturauftrag absolut vernachlässigt - eigentlich verraten! Natürlich muß VIVA die Nr. 1-Single von Robbie Williams spielen. Dass die einen bestimmten kommerziellen Aspekt bedienen müssen, das kann ja jeder verstehen! Aber: Sie müssen genauso dafür sorgen, dass coole Musik in die Charts KOMMT! Das heißt, sie müssen Raum schaffen, dass was gespielt wird, was einfach nur Klasse ist, auch wenn´s noch nichts verkauft. Und da haben sie alle versagt! Wie soll sich denn eine lebendige Musikszene entwickeln, wenn nicht Musik einfach deshalb gespielt wird, weil sie gut ist?!

 

Aus all den Problemen bei HELLOWEEN resultierte unter anderem deine Kehlkopfentzündung.

M.K.: Ja. Die war absolut psychologisch. Wir haben dann die Tour abbrechen müssen. Ein paar Tage später war alles wieder in Ordnung! Ich war kerngesund. Zwei Tage vor Neuaufnahme der Tournee hatte ich das wieder!! Rein psychologisch!

 

Kann man das irgendwie knacken?

M.K.: Du kannst das knacken, indem du aufhörst. Wenn du in einer Band bist, wo dich die Leute eigentlich nur loswerden wollen, aber keiner den Mumm hat, dir das mal ins Gesicht zu sagen, und all diese Scheiße nur hinterrücks abläuft, wo du nur Schwingungen abbekommst... So dieses übliche Mobbing, das immer moderner wird in unserer Gesellschaft, dass du auch ja nicht dein Gesicht wahren kannst bei dem, was da abläuft. Also, ich bin viel zu sensibel dafür. Ich bin kein Weichei oder so, aber ich bin sehr sensibel. Ich bin sehr empfindsam für Schwingungen.

 

Was mich an der Musik heute nervt, ist die kurze Halbwertzeit.

M.K.: Ja. Das Ding ist, dass die große Industrie von Teenagern für Teenager Musik macht. Das ist völlig in Ordnung, ich habe gar nichts gegen TOKIO HOTEL. Aber es ist alles andere weggebrochen! Es wird kaum noch was für erwachsene Musikhörer gemacht. Ich meine, sind wir Invaliden?! Verstehen wir Oder auch als Musiker: Kann ich nicht mehr singen, weil ich 37 Jahre alt bin? Das Gegenteil ist der Fall: Ich kann besser singen denn je und besser Songs schreiben denn je. Und dieser beknackte Jugendwahn, auf den die Industrie abfährt: Ich habe ja noch nicht mal einen Publishing Deal bekommen hier in Deutschland! Seit vier Jahren bekomme ich keinen Verlagsdeal!!

 

Schön! Toll!! Ganz große Klasse!!!

M.K.: Unglaublich, ne? Wenn du nicht tanzen kannst und unter 25 bist, wirst du nicht unterstützt. Da braucht man sich nicht zu wundern, wenn der Markt zusammenbricht, denn die Teenies raubkopieren am ehesten. Als die CD-Brenner rauskamen, habe ich auch kopiert. Das war ja ganz toll am Anfang! Ich habe das aber ganz schnell bleiben lassen, als ich gemerkt habe, was passiert. Das Blöde bei einem Deal ist, dass die Leute gucken: "Was hat er vorher verkauft?" Und mein voriges Album hat eben nicht gut verkauft. Das ist aber eine blöde Art vorzugehen. Sie sollen sich DIESES Album angucken, bei DIESEM das Gefühl haben, dass es was bringen könnte. Dann investiert man eben wieder in gute Musik! Du kannst doch nicht immer nur in die Vergangenheit eines Künstlers investieren! Das ist ganz entsetzlich! In Grenzen kann ich das wiederum verstehen. Wenn das vorige Album Millionen verkauft hat, ist es natürlich leicht abzusehen, dass man sein Geld wieder rauskriegt. Aber wenn man NUR so denkt, fördert man wieder nur Überflüssiges. Auf diese Weise killt die Wirtschaft die Musik. Da muß man eine Trennung hinkriegen. Die Wirtschaft ist ja auch wichtig. Aber die Künstler müssen frei ihre Musik machen, ohne dass die Wirtschaft reinquatscht. Und dann übergeben sie das der Wirtschaft, und die versuchen das zu verkaufen und zu vermarkten. Dann funktioniert das. Aber nicht, wenn die Wirtschaft versucht, die Musik zu machen! Daran geht ja alles kaputt! Weil die Gesetze der Kunst, der Kreativität... Das ist immer das Gesetz der Freiheit, das da herrschen muß. Wirtschaft ist reines Kalkül. Das ist Nützlichkeit. Kunst und Nützlichkeit - da hört es schon auf! Kunst muß wahrhaftig sein!

 

Kannst du mir zum Schluß noch mehr zu deinem anstehenden Soloalbum sagen?

M.K.: Also, es ist auf jeden Fall alles sehr stimmig, und die Stücke sind auch alle aus einem Guß entstanden. Ich habe es einfach zugelassen, ohne da großartig drüber nachzudenken. Es ist in meiner Welt mit Sicherheit mit das beste Material, das ich bis jetzt geschrieben habe. Schwierig ist, dass ich sehr wenig Geld für die Produktion zur Verfügung habe. Deswegen muß ich mich ein bisschen beeilen. Aber auf der anderen Seite ist das aber auch gut - macht kreativ!

Interview+Story: Michael Schübeler